Wer glaubt, Alice Cooper würde sich mit 78 Jahren auf seinen Legendenstatus verlassen, wurde im Amphitheater Gelsenkirchen eines Besseren belehrt. Der Schockrock-Pionier präsentierte mit seiner aktuellen „Alice’s Attic“-Tour eine aufwendig inszenierte Show, die Rockkonzert, Theater und Horror-Inszenierung miteinander verband – und dabei über zwei Stunden lang keine Minute an Spannung verlor.
Schon der Auftakt machte deutlich, wohin die Reise gehen sollte. Das Bühnenbild erinnerte an einen geheimnisvollen Dachboden voller düsterer Erinnerungsstücke, skurriler Requisiten und dunkler Geschichten. Unterstützt von einer riesigen LED-Wand entstand eine Atmosphäre, die das Publikum unmittelbar in Coopers makabre Welt eintauchen ließ.
Musikalisch konnte sich der Frontmann erneut auf seine eingespielte Band verlassen. Bassist Chuck Garric, die Gitarristen Ryan Roxie und Tommy Henriksen sowie Schlagzeuger Glen Sobel sorgten für den gewohnt druckvollen Sound. Neu im Line-up war die erst 22-jährige Gitarristin Anna Cara, die Nita Strauss während ihrer Babypause vertritt. Die junge Musikerin nutzte ihre Chance eindrucksvoll: Mit technisch sauberem Spiel, viel Ausdruck und sichtbarer Freude auf der Bühne fügte sie sich nahtlos in die Band ein. Besonders ihr Gitarrensolo wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
Auch bei der Songauswahl ließ Cooper kaum Wünsche offen. Klassiker wie „No More Mr. Nice Guy“, „I’m Eighteen“, „Feed My Frankenstein“, „Poison“ oder „Hey Stoopid“ sorgten für lautstarke Mitsingmomente und verwandelten das Amphitheater immer wieder in eine große Rockparty. Gleichzeitig bewies die Setlist, dass Alice Cooper seine Konzerte auch nach Jahrzehnten nicht einfach routiniert herunterspielt, sondern immer wieder neue Akzente setzt.
Natürlich durfte auch der theatralische Teil der Show nicht fehlen. Kostümwechsel, monströse Figuren und die legendäre Guillotinen-Szene gehören seit Jahrzehnten zu Alice Coopers Markenzeichen und wurden auch in Gelsenkirchen eindrucksvoll umgesetzt. Sheryl Cooper spielte dabei erneut ihre Rolle in der Inszenierung und verlieh dem dramatischen Finale von „Second Coming / Going Home“ zusätzliche Intensität.
Als mit „School’s Out“ einer der größten Klassiker erklang und das traditionelle Zitat aus Pink Floyds „Another Brick in the Wall (Part 2)“ eingebunden wurde, schien das Konzert seinem gewohnten Ende entgegenzugehen. Doch diesmal hatte Alice Cooper noch eine Überraschung vorbereitet. Statt direkt abzutreten, legte die Band mit einer energiegeladenen Version von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ nach. Ein unerwarteter Abschluss, der beim Publikum hervorragend ankam und zeigte, dass selbst eine Rock-Ikone nach über fünf Jahrzehnten Karriere noch für Überraschungen gut ist.
Mit „Under My Wheels“ endete schließlich ein Abend, der eindrucksvoll bewies, warum Alice Cooper bis heute zu den größten Entertainern der Rockmusik zählt. Seine Mischung aus hartem Rock, schwarzem Humor und perfekt abgestimmter Bühnenshow funktioniert auch 2026 noch hervorragend. Statt bloßer Nostalgie bot der Abend eine moderne Produktion, die Klassiker respektierte und dennoch genügend frische Ideen mitbrachte.
Wer Alice Cooper schon einmal live erlebt hat, weiß, dass seine Konzerte weit mehr sind als eine Aneinanderreihung bekannter Songs. In Gelsenkirchen zeigte der Schockrocker einmal mehr, dass seine Shows auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Faszination verloren haben.
Setlist:
01. Hello, Hooray (Intro – Judy Collins Cover)
02. Who Do You Think We Are
03. Spark in the Dark
04. No More Mr. Nice Guy
05. House of Fire
06. Billion Dollar Babies
07. I’m Eighteen
08. Muscle of Love
09. Feed My Frankenstein
10. Dirty Diamonds
11. Caught in a Dream
12. Hey Stoopid
13. Dangerous Tonight
14. Poison
15. Guitar Solo (Anna Cara)
16. Brutal Planet
17. Ballad of Dwight Fry
18. Cold Ethyl
19. Only Women Bleed
20. Second Coming / Going Home
21. School’s Out / Another Brick in the Wall, Part 2
22. Smells Like Teen Spirit (Nirvana Cover)
23. Under My Wheels
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